
Maßarbeit im Großformat: Vermessungen für den MHH-Neubau
Jeder Bau beginnt mit Zahlen, Linien und Fixpunkten, lange bevor Beton, Stahl oder Glas sichtbar werden. Das Vermessungswesen sorgt dafür, dass Planung und Realität deckungsgleich bleiben, dass Entwürfe ihren Platz finden und Bauwerke dort entstehen, wo sie vorgesehen sind.
Bei einem Klinikneubau von internationaler Bedeutung erhält das Vermessungswesen eine besondere Dimension. Denn hier geht es nicht nur um Gebäude, sondern um hochkomplexe Strukturen, sensible Technik und Abläufe, die später Leben retten und schützen sollen. Die Vermessung bildet das Fundament für alle weiteren Gewerke, schafft Orientierung im Großprojekt und stellt sicher, dass selbst unter höchsten Anforderungen nichts dem Zufall überlassen bleibt.
Leiser Auftakt für den MHH-Neubau
Im Sommer 2025 fiel der Startschuss für die Vermessungsarbeiten für den Neubau der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Zum Aufgabenfeld der Vermessungsingenieur:innen zählten zunächst einmal Vermessungsleistungen wie das Aufmaß der Carl-Neuberg-Straße, des Stadtfelddamms oder des Eilenriedegrabens. Das Gelände selbst war zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht freigegeben worden. Zum einen war die Einebnung noch nicht abgeschlossen, zum anderen hatte der Kampfmittelräumdienst noch keine Freigabe erteilt. Die ersten Arbeiten umfassten zum Beispiel Erkundungen des Untergrundes mittels Georadar.
„Das Ganze erinnert optisch an einen Rasenmäher. Den schiebt man über die Straße, er sendet permanent Radarwellen in den Boden und wir erhalten Ausschläge auf unserem Display. Sieht man einen Huckel, weiß man, da ist eine Anomalie im Boden. Oft ist die Anomalie lang und linienförmig – dann handelt es sich um ein Rohr oder eine Leitung.“, erklärt Kai Tamms.
Zwischen Zahlen, Gelände und Verantwortung
Vermessungsingenieur:innen liefern die Datengrundlage, auf der Architekt:innen und alle anderen Fachplaner:innen ihre Leistungen aufbauen. Denn diese Daten legen die Rahmenbedingungen fest und grenzen das eigentliche Baufeld ein. Zunächst jedoch dienen die Vermessungsdaten der Erstellung der amtlichen Lagepläne zum Bauantrag. Ist hier alles genehmigt, gelangen die Daten in die Bauausführung. Denn jeder Bauunternehmer benötigt Informationen darüber, wo sich das Baufeld exakt befindet und wo die Begrenzungen liegen. Doch nicht nur die Ausdehnung wird von den Daten festgeschrieben, auch höhenmäßig ist alles genaustens einnivelliert und präzise festgelegt, welche Höhen Decken und Geschosse erhalten werden. Als Orientierungsmarker dient ein Netz aus Buchstaben- und Zahlenachsen, die genau definieren, wo sich bspw. Ecken oder Wände im Rohbau befinden. Letztlich wird auf diese Weise der gesamte Bau dargestellt. „Und dann ist klar, an die Achse A1 gehört bspw. der Eckpunkt des Gebäudes und an der Achse Z35 hört das Gebäude auf.“, erklärt Kai Tamms.
Sobald beim Neubau der MHH die Bodenplatte entstehen wird, werden genau diese Buchstaben- und Zahlenachsen vor Ort abgesteckt werden, damit die Lage der Bodenplatte stimmt. Danach folgen die Absteckungen für die Wände und die Höhen in Form von Meterrissen.
Baubegleitend finden regelmäßige Kontrollmessungen statt, um sicherzustellen, dass alle Baufirmen die Vorgaben eingehalten haben. Im Anschluss an die baubegleitenden Vermessungen erfolgt die Gebäudeschlussvermessung zur Übernahme ins Liegenschaftskataster, also die Überführung aller Daten in amtliche Karten, welche ausschließlich von öffentlich bestellten Vermessungsingenieur:innen durchgeführt werden darf.
Vom Maßband zum 3D-Scan
In den vergangenen Jahren hat es in der Arbeitsweise von Vermessungsingenieur:innen starke Veränderungen gegeben. Kai Tamms hat sie alle mitgemacht. So wurde in den 1980-er Jahren noch mit einem Bandmaß gemessen und mit einem Lot abgelotet. Der mechanische Theodolit war State of the Art, ein Vermessungsgerät zur Bestimmung horizontaler und vertikaler Winkel. Sein Nachfolger war bereits deutlich digitaler und zudem in der Lage, elektrooptisch Entfernungen zu messen.
Mittlerweile ist man beim mobilen 3D-Laserscanning angekommen und damit in der Lage, pro Sekunde grob eine Million Punkte im 360-Grad-Raum zu messen. Auch beim Neubau der MHH kommt diese Technik zum Einsatz. Ergänzend kommen seit einiger Zeit Drohnen bei Vermessungen zum Einsatz. Sie liefern Bildmaterial oder tasten mittels Laserentfernungsmesser die Oberfläche ab. Die Daten des 3D-Laserscannings und der Drohnenvermessung werden digital in 3D-Modelle überführt, die im Anschluss allen am Bau beteiligten Gewerken als verlässliche Daten zur Verfügung stehen.
Wenn aus Koordinaten mehr als ein Gebäude wird
Fragt man Kai Tamms nach seiner Vision für die fertige MHH, so hat er diese klar vor Augen: „Vermesser sind ja nicht für Visionen zuständig. Das ist eher das Metier der Architekt:innen. Aber ich würde mir wünschen, dass sich der Campus gut in die Umgebung einpasst."
„Ein tolles Klinikum, das seinen Ruf über die Grenzen Hannovers hinaus kundtun kann.“

Kai Tamms stellt sich vor
Sein Weg startete klassisch: mit der Ausbildung zum Vermessungstechniker und dem anschließenden Studium der Geodäsie an der Universität Hannover. Was damals mit Maßband, Theodolit und viel Neugier begann, hat sich über die Jahre zu einer beeindruckenden Laufbahn entwickelt. Heute ist Kai Tamms öffentlich bestellter Vermessungsingenieur und geschäftsführender Gesellschafter des Ingenieur- und Vermessungsbüros Drecoll – und jemand, der Verantwortung trägt und nicht so leicht aus der Bahn zu werfen ist. Kaum eine Situation auf der Baustelle oder im Projektverlauf kann ihn noch überraschen – dafür hat er im Laufe seiner Karriere zu viel gesehen. Aktuell ist er mit dem Neubau der MHH in eines der bedeutendsten Klinikbauprojekte Deutschlands eingebunden, wo Präzision und Verlässlichkeit gefragt sind.



