Risiko-Scanner. Gefahrenminimierer. Sicherheitsspezialist. 

Er behält auch mitten im größten Klinikneubau den Überblick. 

Sein Job ist es, Risiken zu erkennen und täglich dafür zu sorgen, dass tausende Zahnräder reibungslos ineinandergreifen und eine Baustelle ein möglichst sicherer Arbeitsort ist. Ludwig Schmitz, 54, trägt viel Verantwortung und bewegt sich im Themenfeld zwischen gesetzlichen Regelungen und der Unberechenbarkeit durch den Faktor Mensch.


Wie erklären Sie jemandem außerhalb der Baubranche Ihren Job als Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator (SiGeKo) in einem Satz?

Als SiGeKo versuche ich die Bauabläufe mit der Bauleitung so zu optimieren, dass Risiken minimiert werden und möglichst kein Personenschaden entstehen kann. 

 

Welche Aufgaben übernehmen Sie ganz konkret beim Neubau der Universitätsmedizin Göttingen?

Als SiGeKos werden wir nach der Baustellenverordnung vom Bauherrn oder vom Auftraggeber bestellt. Das ist gesetzlich festgelegt. Die Grundaufgabe eines SiGeKo ist es, die Abläufe auf einer Baustelle zu sichten, zu prüfen und sie hinsichtlich des Arbeitsschutzes zu optimieren. Viele Abläufe sind naturgegeben und lassen sich nicht optimieren. Am sichersten wären Baustellen, wenn alle am Bau Beteiligten nacheinander arbeiten würden. In der Realität laufen viele Arbeiten und Prozesse parallel. Es ist meine Aufgabe, die gegenseitigen Gefährdungen zu erkennen und zu minimieren. 

Klassisches Beispiel: Der Kran auf einem Rohbau dreht sich mit schweren Lasten über der Baustelle. Am Boden darunter laufen der Elektriker und der Heizungsbauer entlang. Da sind gegenseitige Gefährdungen vorhanden und die müssen erkannt, analysiert und beobachtet werden. Wir erstellen hierfür einen Sicherheits- und Gesundheitsplan (SiGe-Plan), der auf der Baustelle aushängt. Er berücksichtigt alle gesetzlichen Vorgaben. Letztlich sollten alle Fachfirmen die Arbeitsschutzregeln beherrschen. Aber der Plan erinnert zusätzlich im Sinne von „Wenn du in KW37 auf die Baustelle kommst, arbeiten parallel noch Kollegen aus anderen Bereichen und es existieren bestimmte Risiken.“ So können sich alle abstimmen und bei Fragen sind wir da. 

Was wir an Sicherheitsmaßnahmen vorgegeben haben, checken wir auch an Ort und Stelle und fertigen Prüfberichte an. Finden wir Auffälligkeiten, erstellen wir Mängelprotokolle, die wir dann der Bauleitung zur Verfügung stellen. Ein Beispiel ist die Helmpflicht. Herrscht Kranbetrieb, hat jeder einen Helm zu tragen. Auch der Elektriker. Wer sich weigert, wird angesprochen. Erfolgt keine Einsicht, kommt das auf die Mängelliste, damit der Bauleiter die betreffende Firma ansprechen kann. 


Wie wird man Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator?

Der klassische Weg ist, dass man von Haus aus Bauingenieur oder Architekt ist. Möglich ist der Werdegang auch über die handwerkliche Schiene, also den Technikermeister. Nach ein paar Jahren Berufserfahrung kann man sich zum SiGeKo ausbilden lassen und darf in Deutschland in diesem Bereich tätig werden. Ich bin Bauingenieur und habe zunächst Berufserfahrung auf dem Bau gesammelt.

Ich war 15 Jahre lang Bau und Projektleiter im Schlüsselfertigbau. Nebenbei habe ich mein Interesse für den Arbeitsschutz entdeckt. 

Auf einer Baustelle arbeiten Sie ein wenig wie bei einem Wanderzirkus. Immer unter freiem Himmel. Immer individuelle Kunden, individuelle Planer und Architekten, nie derselbe Trupp an Menschen. Es werden jedes Mal neue Leute auf’s Feld geworfen und mich interessiert es, das Ganze ein wenig zu steuern

Ludwig Schmitz, SiGeKo beim UMG-Neubau


Wie sieht es mit dem Sicherheitsbewusstsein der Menschen aus? 

Baustellen sind oft sehr hektische Arbeitsplätze. Deshalb sind konsequente Vorgaben unerlässlich. Das nennen wir Baustellenordnung. Es gibt zwei Warnschüsse, danach geht es eine Eskalationsstufe hoch und es wird ein Verweis von der Baustelle angedroht. Leider funktioniert es manchmal nur so. Ich sehe unsere Aufgabe darin, immer wieder wie ein Lehrer auf Baustellen zu gehen, immer wieder auf Flüchtigkeiten und Fehler hinzuweisen und eine hochwertige Umsetzung zu fordern. 


Welche kritischen Punkte sind ein Dauerbrenner?

Absturzgefährdung ist sicherlich das größte Risiko. Man arbeitet viel in Höhen, hat bei Gebäuden Deckenhöhen von 3-4 Metern und kann nicht immer alles mit Gerüsten sichern. Oft arbeitet man mit einer persönlichen Schutzausrüstung, also mit Gurten wie ein Bergsteiger. Ab 2 Metern Höhe ist das Abstürzen immer mit einem Risiko verbunden.

 

 

Statistisch gesehen werden 5 von 1.000 Arbeiter auf einer Baustelle einen schweren Unfall erleiden. Bei größeren Baustellen habe ich also im Hinterkopf, dass es einen oder mehrere schwere Unfälle geben wird. Wir kämpfen dafür, dass genau das nicht passiert. 



Wenn Sie auf die fertige UMG blicken, was wünschen Sie sich? 

Ich wünsche mir, dass während der Bauphase kein gravierender Unfall passiert. Ganz ohne Verletzungen wird es nicht von statten gehen, das ist mir klar. Aber kein schwerwiegender Unfall, das würde ich mir wünschen. Immerhin wird die UMG ein Gebäude, in dem Menschen gerettet werden sollen.